Welt entdecken

Afrika-Durchquerung im Jahr 1909: Paul Graetz ist der Erste

Vor über hundert Jahren durchquerte ein Deutscher Afrika von Ost nach West und vollbrachte damit die erste Durchquerung des Kontinents mit dem Auto: Paul Graetz. Einmal Afrika zu durchqueren – ein lange gehegter Traum auch von uns. Dazu passend ist diese Geschichte.

Der Ersttagsbrief zur Afrika-Durchquerung von Paul Graetz. Mehr dazu: www.paulgraetz.de/briefmarke

Am 1. Mai 1909 erreichte Paul Graetz in seiner Spezialanfertigung der Süddeutschen Automobilfabrik Gaggenau GmbH, einem Vorläufer-Unternehmen des Mercedes Benz-Werks Gaggenau, die Stadt Swakopmund im heutigen Namibia, damals Deutsch-Südwestafrika. In Deutschland ist der 1875 in Zittau geborenen Graetz fast vergessen. 2002 wurde ein an der Sternwarte Trebur entdeckter Asteroid nach ihm benannt, doch sonst ist von seinem Abenteuer und ihm in Deutschland nur wenig bekannt. Die namibische Post dagegen widmet Paul Graetz im Jahr 2009 eine Briefmarke.

Graetz gehörte der Schutztruppe in der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika an und war im Straßenbau im Dondeland beschäftigt, dem heutigen Tansania. Von der Küste bis zur Grenze, an der er stationiert war, sollte er eine Straße für Fahrzeuge bauen. Schweres Material wurde auf den Köpfen transportiert, was Zeitverlust und Anstrengungen bedeutete während der dauernden Hitze, den wolkenbruchartigen Regenfällen, vielen eiskalten Nächten und der Gefahr, an Malaria oder Schwarzwasserfieber zu erkranken. Während seiner Militärzeit in Ostafrika reifte in dem jungen Oberleutnant die Überzeugung, dass die Transportprobleme in Afrika nur durch die Benutzung motorgetriebener Fahrzeuge gelöst werden könnten. Graetz hatte die Idee, den Kontinent von Ost nach West mit dem Auto zu durchqueren, von der einen deutschen Kolonie zur anderen.

Zurück in der Heimat, begann Graetz, seine Afrikadurchquerung mit dem Automobil auf eigene Faust und eigene Rechnung zu planen. Er startete eine Ausschreibung für ein Automobil mit einem 35 PS-Vierzylinder-Motor und 35 Zentimeter Bodenfreiheit – den ersten Geländewagen der Welt. Die auf Sonderfahrzeuge spezialisierten Werke Gaggenau erhielten den Auftrag.
Erst drei Jahre später ging das Auto mit dem Dampfer „Feldmarschall“ nach Daressalam im heutigen Tansania. Sehr genau musste der ehemalige Schutztruppler sein Vorhaben vorbereiten. Straßen existierten kaum, auf Pfaden für Fußgänger und Karawanenwegen, durch den Busch und über vom Regen ausgespülte Wege musste er mit seinem Fahrzeug vorankommen. Entfernungsangaben lagen nur in Form von Stunden auf dem Pferderücken vor. Die Überquerung von Bergen, Flüssen mit und ohne Brücken sowie das Durchfahren der Wüste Kalahari musste gut geplant werden. Alle vorherigen Que
rungsversuche waren gescheitert, oft wegen der für Mensch und Tier gefährlichen Tsetsefliege, die die Schlafkrankheit überträgt.

Am 12. März 1907 schrieb eine Berliner Zeitung: „Ein deutscher Offizier beabsichtigt, Afrika mit dem Automobil zu durchqueren. Er scheint nicht zu wissen, dass es im Hinterland des schwarzen Erdteils weder Benzin noch Öl noch Reifen zu kaufen gibt. Der Plan dieses Herrn kommt auf dasselbe heraus, als wolle er eine Reise zum Mond unternehmen.“ Graetz selbst kommentierte später in seinem Buch „Im Auto quer durch Afrika“: „Unmöglich! – schrie die Welt. Die Hauptsach’ ist, dass was man tut, man selbst für möglich hält.“ Motivation war für ihn außerdem, wie er im Vorwort schreibt, die „falschen Anschauungen über die Beschaffenheit des Landes, welches in weiten Kreisen unseres Volkes durchweg als wild, unwegsam und unwirtlich gilt“, zu beseitigen.

Graetz bereitete seine Expedition gut vor. An 24 Lagerstellen hatte er von Missionaren, Farmern und Unternehmern Benzinfässer, Ölkanister sowie Ersatzteile vergraben und die Stellen markieren lassen, so zum Beispiel mit einem einfachen Grabkreuz, das seinen Namen trug. Insgesamt wurden rund 6000 Liter Benzin, mehr als 200 Liter Öl, 25 Gummireifen und 33 Schläuche deponiert – Graetz fand das meiste davon auf seiner Reise wieder.

Auch wenn die Durchquerung seine Zeitgenossen an „eine Reise zum Mond“ erinnerte, der Abenteuerer Graetz hatte den festen Willen und die Zuversicht, sein Ziel zu erreichen. Geplatzte Zylinder, abgerissene Hinterachsen, ein aus Liebeskummer zu einer Löwenbändigerin geflüchteter Chauffeur, aufgebrauchte Geldmittel, Fieberträume, verdunstetes Benzin, eingestürzte Brücken, Begegnungen mit Elefantenbullen und bedrohliche Wassernot – davon ließ Graetz sich nicht abschrecken.
Am 10. August 1907 begann seine Reise in Daressalam. Schon am sechsten Tag der Expedition platzten die Motorenzylinder. Der Chauffeur quittierte der Liebe wegen den Dienst. Drei Monate saß Graetz mit seiner Mannschaft fest. Die Fahrzeugwerke sandten einen neuen, allerdings nicht so erfahrenen Mechaniker und einen eigenen Ingenieur, der die Reparaturen überwachen sollte. Der Wagen wurde wieder zusammengesetzt, jedoch ohne Scheinwerfer, Auspuff und Kotflügel, um Gewicht zu sparen. Schon zuvor hatte Graetz abgerüstet. Der Wagen lief leichter und die entlasteten Federn konnten Unebenheiten des Bodens besser ausgleichen.

Probleme wurden mit Improvisation, Fantasie und Unterstützung durch Einheimische gelöst. Ochsengespanne wurden eingesetzt, um den Wagen zu ziehen, oft halfen Eingeborene, den Wagen aus Sumpf oder Sand zu befreien. Dazu wurde zum Beispiel aus Baumrinde Seile hergestellt.
Die Überquerung des Bergpasses bei Kampi ya fundi im damaligen Deutsch-Ostafrika gehörte zu den anstrengendsten Etappen. Graetz entschied sich für den Weg durch das Massiv, da es von nicht durchquerbaren Sümpfen umgeben war. Mit Dynamit sprengte die Gruppe einen Weg, 150 Einheimische packten mit an, um ihn passierbar zu machen. Stück für Stück wurde der Wagen auseinandergenommen und über den Pass getragen, mit Ausnahme des Fahrgestells, das zusammen bleiben musste. Drei Tage später waren Mensch und Material auf der anderen Seite angekommen.

Per Schiff ging es einige Tage später über den Tanganjika-See nach Kituta Bay. Der zweite Chauffeur wurde durch einen Farmer ersetzt, den die Expeditionsgruppe in Bismarckburg traf. Er hatte zwar schon von Automobilen gehört, aber noch nie eines gesehen. Dafür kannte er sich im Land aus. Graetz brachte ihm das Fahren bei und der Deutschstämmige wurde zum neuen Chauffeur.

In Nord-Rhodesien, dem heutigen Sambia, musste Graetz lange auf Benzin warten. Nach vier Wochen kam der Nachschub, gebracht von Einheimischen in Whiskeyflaschen. Angekommen in Bulawayo in Süd-Rhodesien (heute Simbabwe) erfuhr Graetz, dass sein Geld aufgebraucht ist. Die Kosten von 75 000 Mark hatte er bis dahin selbst aufgebracht. Zuschüsse waren weder von Zeitungen, für die er von seiner Expedition schrieb, noch vom Autohersteller geflossen. Geplant war eine sechsmonatige Reise, doch mittlerweile war Graetz über ein Jahr unterwegs.

Der Verkauf des Autos kam für Graetz nicht in Frage. Nach 5000 zurückgelegten Kilometern wollte er nicht aufgeben. Stattdessen organisierte er mit seinen Fotos einen Dia-Vortrag in Johannesburg. Die deutsche Gemeinschaft im südafrikanischen Port Elizabeth starteten eine Sammelaktion, so dass Graetz seine Reise fortführen konnte.
Mit einem neuen Mechaniker an Bord, dem Australier Henry Gould, begann die Expeditionsgruppe, die Kalahari zu durchqueren. Begleitet wurden sie auf ihrem Weg durch tiefen Sand von schweren, wolkenbruchartigen Regenfällen und Moskitos, von Hunger und Durst, so dass der Mechaniker in seiner Not Treibstoff trank.

Trotz defektem Anlasser erreichte die Graetz-Gruppe schließlich Deutsch-Südwestafrika, das heutige Namibia. Bei dem Grenzübergang, dem heutigen Buitepos, wurde Graetz „zivilisiert“: Die am Außenposten stationierten Soldaten verpassten ihm einen neuen Haarschnitt. Dem Ziel schon nahe gekommen, reisten Graetz und Gould schließlich selbst mit einem Ochsenwagen ins 130 Kilometer entfernte Gobabis, um dort telegrafisch einen neuen Anlasser aus Windhoek zu ordern. Dieser kam per Eilboten zwischen Buitepos und Gobabis bei der Graetz-Gruppe an. 18 Ochsen hatten den Wagen bis dahin gezogen.
Über die namibische Hauptstadt Windhoek ging die letzte Etappe Richtung Küste nach Swakopmund. Doch schon kurz nach Windhoek brach an einem versteckten Baumstumpf die Achse. Aus einer Kanonenlafette wurde eine neue gebaut, da es in der Kolonie nur drei Fahrzeuge gab, die ohnehin andere Maße hatten.
Die Expeditionsgruppe erreichte die Namib-Wüste. Im Gegensatz zu der recht grünen Pflanzenwelt in Ostafrika empfing die Gruppe hier ein vegetationsloses Gebiet. Und schließlich trafen Graetz und seine Begleiter auf die Martin Luther. Kurz vor Swakopmund steht die alte Dampflok, die in Deutsch-Südwestafrika eingesetzt werden sollte, aber im Sand stecken blieb. Nach dem Ausspruch des Reformators „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ erhielt sie seinen Namen.

630 Tage nach dem Start im ostafrikanischen Daressalam, am 1. Mai 1909, erreichte Graetz den Atlantik in Swakopmund. In einer Postkarte an die Berliner Zeitung schrieb er: „Bin auf dem Mond angekommen, Paul Graetz.“ Es sollte nicht seine letzte spektakuläre Reise bleiben: 1911 macht er sich mit dem Motorboot auf den Weg vom Indischen Ozean zum Kongo.

Ergänzende Informationen:

Das ist im Verlag Hess, Göttingen erschienen (390 Seiten, ISBN: 978-3-933117-35-9). Weitere Informationen zu Graetz gibt es auf der Internetseite www.paulgraetz.de. Die Briefmarke mit dem Wert von 7,10 Namibische Dollar (0,70 Euro) und einer Auflage von 15 000 Stück mit dem Sonderstempel vom 1. Mai ist ungestempelt erhältlich bei dem deutsch-namibischen Reiseunternehmen Bwana Tucke-Tucke, Telefon 04826 5208, E-Mail: d@bwana.de. Erhältlich ist bei Bwana Tucke-Tucke, das Reisen auf den Spuren von Paul Graetz anbietet, auch der Ersttagsbrief (Auflage 2200) sowie dieser handsigniert von dem Künstler Koos Ellinghuizen (Auflage 50).

Dieser Text ist am 9. Mai 2009 im SonntagsEcho der Echo Zeitungen erschienen.

MerkenMerken

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.