Roadtrip Polen: Auschwitz und Birkenau
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Roadtrip Polen: Auschwitz und Birkenau

Esther Bejarano, Auschwitz-Überlebende, sagte: „Ihr habt keine Schuld an dieser Zeit. Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über diese Zeit wissen wollt. Ihr müsst alles wissen, was damals geschah. Und warum es geschah.“ Umso wichtiger, dass die Gedenkstätten wie die ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz und Birkenau besucht und sich mit der Vergangenheit befasst wird. Auf unserem Polen-Roadtrip war dies ein einprägsamer Tag.

Für zwölf Uhr haben wir schon vor Wochen eine Führung in deutscher Sprache gebucht. Dies geht über die Webseite. Das Ticket braucht man nicht ausdrucken, digital genügt. Wir sind etwa eine Stunde früher dort, da wir nicht einschätzen können, wie gut wir einen Parkplatz finden. Und Achtung: Es gibt mehrere Parkplätze. Die Touren starten in Auschwitz, nicht im etwa drei Kilometer entfernten Birkenau. Der Parkplatz direkt vor der Gedenkstätte hat noch Platz und so stellen wir dort für umgerechnet 4,70 Euro unseren Bus ab. Wir essen noch eine Kleinigkeit, suchen die Toilette auf und gehen zum sogenannten Servicedesk, wo wir beim Vorzeigen unseres Tickets einen Aufkleber erhalten, auf dem markiert ist, dass wir zur deutschsprachigen Führung um zwölf Uhr gehören. Diesen Aufkleber sollen wir gut sichtbar an unseren Jacken befestigen.

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Als nächstes müssen wir zur Sicherheitskontrolle. Eine kleine Schlange hat sich gebildet. Zuerst werden Ticket sowie der darauf genannte Namen mit unserem Personalausweis abgeglichen – beim Kauf mussten wir die Namen angeben. Wie am Flughafen werden Taschen geleert, Gürtel abgenommen und Jacken sowie Taschen durchgeprüft. Wir selbst laufen ebenfalls durch eine Kontrolle. Auf der anderen Seite ist ein kleiner Wartebereich. Dort werden wir pünktlich um zwölf Uhr von einer Frau begrüßt. Mit ihr gehen wir durch eine weitere Ticketkontrolle und erhalten anschließend Kopfhörer und einen Empfänger.

Nun startet unsere Tour. Zuerst geht es durch einen Tunnel. Namen der hier Ermordeten werden vorgelesen. Wir steuern ein Gebäude an, in dem sich ein Kino befindet, und schauen zuerst einen etwa zehnminütigen Einführungsfilm. Nach einer weiteren Erklärung unserer Begleitperson geht es durch das bekannte Tor mit dem Schriftzug „Arbeit macht frei“ in die Anlage des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz.

Unsere Begleitung erklärt sehr ausführlich und einfühlsam, aber sehr direkt, was sich an dieser Stelle zur NS-Zeit abgespielt hat. Wir schreiten dabei die verschiedenen Stationen ab – von der Ankunft der über 1.300.000 Millionen Menschen, der Entmenschlichung durch Wegnahme des Eigentums, Abschneiden aller Haare, dem Waschen mit kaltem Wasser, dem Lageralltag mit harter Zwangsarbeit und Hunger sowie Appellen, bei denen die Menschen teilweise bis zu 20 Stunden stehen mussten. Es ist sehr bedrückend, wenn man in einer der Baracken die vielen echten Haare sieht, die abgeschoren und zu Kissen oder wärmenden Socken für Soldaten verarbeitet werden sollen. Wenn man die Haufen an Schuhen oder Prothesen sieht, die den Menschen abgenommen wurden. Wenn man die Koffer mit den Aufschriften studiert, weil man den Menschen eine bessere Zukunft oder ein Besuch in einem Sanatorium versprochen hatte. Man solle nur seinen Koffer richtig beschriften. Wenn man die Bilder der Menschen sieht, mit ihren kahlgeschorenen Köpfen, die gemacht wurden, um sie später identifizieren zu können, wenn sie gestorben waren. Wenn man die Instrumente sieht, mit denen später Tätowierungen vorgenommen wurden, um die Identifikation zu erleichtern. Wenn man die sogenannten Karteikarten liest, die zu jedem Inhaftierten angelegt wurden. Wenn man den Haufen an Blechdosen sieht, in denen Zyklon B (Blausäure) aufbewahrt wurde, um mit diesem Tausende von Menschen zu vergasen. Wenn man die Mauer passiert, an der heute Kränze und Kerzen an die Menschen gedenken, die hier per Genickschuss hingerichtet wurden.

Nach zwei Stunden, in denen wir uns intensiv mit der Geschichte auseinander gesetzt haben, verlassen wir das Konzentrationslager Auschwitz. Wir geben die Kopfhörer ab und fahren mit unserer Begleitung in einem Bus in knappen zehn Minuten nach Birkenau. Dort laufen wir an den Gleisen entlang, an denen die Menschen ankamen und von der SS direkt selektiert wurden – in die Gruppe, die zur Zwangsarbeit musste, und in die, die vergast wurden. Letztere waren vor allem Frauen mit Kinder, Schwanger und Ältere. „Als Ältere galten schon die über 40 Jahre. Herangezogen zur Zwangsarbeit wurden bereits Vierzehnjährige“, erläutert unsere Begleitung.

Wir laufen an das eine Ende des Lagers, an dem sich neben einem Denkmal ein Krematorium samt Gaskammer in Schutt und Asche befindet. Die SS hatte die Krematorien eine Woche vor Befreiung des Lagers gesprengt, um möglichst wenig Beweismaterial zu hinterlassen. Wie gut, dass schon 1947 Überlebende der Lager sich dafür stark gemacht haben, dass dieser Ort als Gedenkstätte aufgebaut wird.

Im strömenden Regen und bei kaltem Wind laufen wir über das Gelände und hören die Fakten von unserer Begleitung. Am Ende der vierstündigen Führung besuchen wir eine der Baracken – es gab welche aus Holz und welche aus Backstein. In der Backstein-Baracke, die wir aufsuchen, schauen wir uns die Schlafkojen an. Drei Flächen sind übereinander, 62 dieser Kojen gibt es. Auf einer Holzpritsche mussten vier Frauen schlafen. Das habe nicht ausgereicht, um auf dem Rücken zu liegen, hören wir von unserer Begleitung. Im Winter war es eisig kalt, im Sommer sehr heiß.

„Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.“ Das Zitat des Auschwitz-Überlebenden Primo Levi ergänzt unsere Begleitung um die Aussage eines Mädchen, das mit 14 Jahren im KZ Birkenau ankam: „Wir müssen erkennen, wenn es wieder passiert.“

Pfälzerin, Redakteurin, Fernweh-Geplagte. Pfadi, Abenteuer-freudig und gerne unterwegs. Als Chefredakteurin bei der VRM und ausgebildete Redakteurin sorgt Jule dafür, dass alle Reiseerlebnisse sich im Blog wiederfinden. Abseits vom Dokumentieren kümmert sich Jule um die Orga und Planung vorab, denn das Reisegefühl startet bereits bei den Vorbereitungen.

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